Klause

Es ist keine Kunst, das zu achten, was Du für Deinesgleichen hälst.

Die Kunst besteht darin, auch das zu achten und zu respektieren, was anders ist als Du.

Selbstbildnis mit Fehlern

von

f. s. montanus

Fassung vom 27. Juni 2018

Draußen vor dem Fenster fegte ein kalter Wind über die Straßen. Frau Kameier, eine allseits bekannte Firmenerbin und Unternehmergattin, saß mit ihrer kleinen Tochter an einem Tisch des vornehmen Cafés in der Prinzregentenstraße und schaute nach draußen. Sie rührte gedankenverloren in ihrem Cappuccino, während das Mädchen brav ein Stück Erdbeerkuchen aß.

Vor dem Fenster trottete schwerfällig eine alte Frau vorbei, die zwei prall gefüllte Tüten von einem Discounter mit sich herumtrug. Sie ging zu einem Mülleimer, der an einer Laterne hing, beugte sich zu ihm hinunter und lugte in die Öffnung. Dann griff sie mit der Hand hinein und wühlte darin herum. Ein paar Augenblicke später zog die Frau eine Plastikflasche heraus, die sie in eine ihrer Tragetaschen stopfte. Die Tüten quollen schon fast über, so voll waren sie mit leeren Plastikflaschen.

„Mama?“, machte das Mädchen, das alles ganz genau beobachtet hatte. „Was macht die Frau dort?“

Frau Kameier sah fragend zu ihrer Tochter.

„Welche Frau meinst Du denn, mein Schatz?“

„Die Frau dort an dem Mülleimer.“ Das Kind zeigte in die betreffende Richtung.

„Ach die“, machte die Mutter etwas abfällig. „Die geht herum und sammelt Plastikflaschen.“

„Wieso macht sie das?“

„Sie bringt die Flaschen zum Supermarkt, und dann bekommt sie Geld dafür.“

„Warum?“

„Auf den Flaschen ist ein Pfand“, erklärte die Mutter. „Wer sie in den Supermarkt zurückbringt, bekommt das Pfand zurück.“

Das Mädchen überlegte.

„Darf ich auch Flaschen sammeln?“, wollte es auf einmal wissen.

„Wieso denn das?“, machte die Mutter entgeistert.

„Dann kann ich auch Geld bekommen.“

Frau Kameier schüttelte den Kopf.

„Nein, mein Schatz. Der Mülleimer ist doch ganz schmutzig. So etwas machen wir nicht. Außerdem bekommt man für die Flaschen nur ganz wenig Geld. Das lohnt sich nicht.“

„Aber warum macht es die Frau dann?“

„Wahrscheinlich hat sie in ihrem Leben nicht genug gearbeitet, und jetzt reicht ihr die Rente nicht. Deshalb muss sie jetzt Flaschen sammeln, um ein bisschen Geld dazu zu verdienen. Auch wenn es nicht viel ist: bestimmt wird sie das Geld brauchen.“

Frau Kameier nahm einen Schluck Cappucino.

„Da kannst Du sehen“, sagte sie weiter, „was passiert, wenn man im Leben nicht fleißig ist. Es ist wie in der Geschichte mit der Grille und der Ameise. Wenn die Grille immerzu Musik macht, anstatt wie die Ameise fleißig zu arbeiten, wird sie im Winter Hunger haben.“

Das Mädchen nickte. Es kannte die Geschichte aus einem Buch, aus dem ihr Kindermädchen immer vorlas.

„Man braucht deshalb auch kein Mitleid mit solchen Menschen zu haben, mein Schatz. Die Frau hat es sich selbst zuzuschreiben, dass sie eine zu kleine Rente hat. Hätte sie mehr gearbeitet, müsste sie jetzt keine Flaschen aus dem Müll herausklauben. Das ist doch ganz einfach, oder?“

„Ja, Mami.“

„Aber es hat auch etwas Gutes, dass es Leute gibt, die die Flaschen sammeln. Plastik ist nämlich ein wertvoller Rohstoff, aus dem man viele Sachen machen kann. Er ist viel zu schade zum Wegwerfen. Wenn die Frau die Flaschen aus dem Müll herausholt, kann noch etwas Sinnvolles daraus gemacht werden.“

„Das ist doch eine gute Sache“, freute sich das Kind.

„Ganz genau“, sagte die Mutter.

„Und es ist gut für die Umwelt.“

„Richtig“, räumte die Mutter ein, jedoch ohne rechte Überzeugung. „Es ist auch gut für die Umwelt.“ Sie musste daran denken, wie viele selbsternannte Umweltschützer schon ihrem Mann das Leben schwer gemacht hatten. Das Thema „Umwelt“ wurde ihrer Meinung nach schon viel zu hoch gehängt.

„Dann ist es doch gut“, sagte das Mädchen, „dass es Leute wie die Frau gibt.“

„Ganz genau, mein Schatz.“

Die Mutter nahm noch einen Schluck aus ihrer Tasse.

„Immerhin machen diese Leute etwas Sinnvolles“, fuhr sie fort. „Ganz im Gegensatz zu den Bettlern, die nur am Straßenrand sitzen und die Hand aufhalten. Bettler sind Faulenzer. Arbeitsscheue Faulenzer. Das musst Du Dir immer merken. Denen darf man nichts geben! Hörst Du?“

„Ja, Mami.“

„Noch schlimmer sind die Hartzvier-Empfänger. Das sind die größten Faulenzer überhaupt. Die sind so faul, die sind sogar zu faul zum Betteln. Die machen nichts Sinnvolles für die Gesellschaft. Und dann tun sie so, als wenn sie keine Arbeit finden würden. Aber das ist alles gelogen. Jeder, der wirklich arbeiten möchte, findet auch eine Arbeit. Das war schon immer so.“

Das Kind nickte, dann schaute es auf einmal ganz ernst.

„Mama! Wenn ich groß bin, möchte ich kein Faulenzer werden.“

„Natürlich nicht, mein Schatz. Du wirst bestimmt kein Faulenzer werden. Ganz sicher nicht. Du musst nur immer schön fleißig sein und Dein Ziel verfolgen, dann kannst Du alles erreichen.“

Die Mutter nahm den Löffel und rührte wieder in ihrem Cappuccino.

„Du und ein Faulenzer, das wäre ja noch schöner! In unserer Familie hat es noch nie einen Faulenzer gegeben. In der Familie meines Vaters nicht, und in der Deines Papas auch nicht. Wir haben immer hart gearbeitet.“

„So wie Papa?“

„Ganz genau, so wie Papa. Eines musst Du Dir immer merken, mein Schatz: wir arbeiten hart für unser Geld. Wir leben nicht auf Kosten anderer. Wir liegen nicht auf der faulen Haut, während andere die Arbeit machen. Das darfst Du nie vergessen.“

„Ja, Mami.“

Frau Kameier sah, wie die Bedienung ein Stück Sahnetorte an den Nachbartisch brachte.

„Bringen Sie mir bitte auch ein Stück“, sagte sie zu der Kellnerin. „Und eine Zeitschrift.“

„Sehr gerne“, antwortete die Bedienung. „Möchten Sie die gleiche Zeitschrift wie immer?“

„Ja bitte, die Gleiche wie immer.“

Dieser Text stammt aus dem Zyklus „Surviving of the Fittest — Lobreden auf den Darwinismus“.